Diskussionsbeiträge

Das imperative Mandat der Alltagskämpfe

„Wir sehen uns als Suchende und wir kämpfen für eine andere Gesellschaft: Weltweit sozial und ökologisch gerecht, alle Menschen einbezogen und mit gleichen Rechten, friedlich, selbstbestimmt und selbstorganisiert. Wir sagen ´Kämpfe` und meinen den alltäglichen Prozess. Denn der Alltag entscheidet. Jedenfalls das Meiste.“

Hagen Kopp

So beginnt das Manifest der Initiative „In welcher Gesellschaft wollen wir leben?!“. Die Markierung hebt heraus: Alltagsprozesse als entscheidende Kämpfe. Aber was ist damit gemeint? Was zeichnet Alltagskämpfe aus? Was unterscheidet sie von mehr oder weniger flüchtigen Kampagnen? Die Alltagskämpfe als Gegenpol zu verbalradikalen Revolutionstheorien? Zu abgehobener Politik in akademischen Elfenbeintürmen? Doch ab wann ist Alltagspolitik in Gefahr, sich in reformistischen Schrittchen zu verlieren? In den Mühen der Ebenen unterzugehen und gar nicht mehr als gesellschaftsverändernde Kraft erkennbar zu sein? Wie gleichzeitig im und gegen den kapitalistischen Normalzustand ankämpfen?
Im folgenden werden zunächst an zwei sehr unterschiedlichen Beispielen Erfahrungen und Herangehensweisen antirassistischer Alltagskämpfe beschrieben. Das WatchTheMed Alarm Phone steht für ein beständiges transnational entwickeltes Netzwerk, die Initiative 19. Februar Hanau für einen lokal geprägten Selbstorganisierungsprozess.  Daran anschließend sollen verallgemeinernde Fragen für die weitere Diskussion gestellt werden.

Das WatchTheMed Alarm Phone
Das Netzwerk besteht seit 2013 und hat im Herbst 2014 die Notrufnummer freigeschaltet. Seitdem wurden rund 3500 Boote auf allen Routen im Mittelmeer begleitet und unterstützt. Über 200 Aktive aus unterschiedlichen Städten in Europa und Nordafrika sind mittlerweile an dem Projekt beteiligt, die Schichtteams folgen gemeinsam erarbeiteten Alarmplänen zur Seenotrettung und sind über ein selbstorganisiertes Call-Center für die Menschen auf dem Meer erreichbar: rund um die Uhr, also jeden Tag und jede Nacht seit nun über sechs Jahren! Das Alarm Phone erscheint damit als eines der kontinuierlichsten und effektivsten Projekte praktischen Antirassismus an den EU-Außengrenzen. Es verbindet Interventionen zur Rettung und Unterstützung der Menschen auf der Flucht und in der Migration mit öffentlichen Anklagen gegen das tödliche EU-Grenzregime. Das Alarm Phone versteht sich als Knoten in einem weiteren transnationalen Vernetzungsprozess, in dem der Auf- und Ausbau von Infrastrukturen für Bewegungsfreiheit und gleiche Rechte für Alle nicht nur propagiert sondern auf alltäglicher Ebene praktiziert wird. „Für konkrete Korridore der Solidarität!“ Die Hotline folgt der Hartnäckigkeit der Migrationsbewegungen und einer Herangehensweise, die deren Communities als die zentralen Akteure im Kampf gegen das Migrationsregime wahrnimmt. Gefragt ist nicht nur geduldige Kommunikation am Satelliten-Telefon oder auf Whats-App, sondern das Interesse und die Bereitschaft, sich auf vielfältige reale wie virtuelle Zusammentreffen auf beiden Seiten des Mittelmeeres einzulassen. Das Alarm Phone zielt auf „gemischte Organisierung“, also die Zusammenarbeit von Menschen ganz unterschiedlicher Herkünfte und Erfahrungswelten. Es funktioniert ohne bezahlte Stellen und finanziert sich erfolgreich über Spenden. Neu-EinsteigerInnen benötigen Trainings und ein „Hineinwachsen“ in ein komplexes Teamwork, das insofern auf Jahre und nicht auf Monate angelegt ist. Das Netzwerk (ver)sucht einen produktiven Umgang mit Auszeiten und Fluktuationen, gleichzeitig erfordert es arbeitsteilige Strukturen mit hoher Verbindlichkeit und Verantwortlichkeit.

Ein Balance-Akt auf vielen Ebenen? Jedenfalls längst kein wackliges Experiment mehr, sondern eine nachhaltige Alltagspraxis mit beeindruckender Bilanz. Ein Akteur mit „Noborder“-Geschichte und -Ansprüchen im Rücken, aufbauend auf gewachsenen Kontaktnetzen transnationaler antirassistischer Bewegung seit Mitte der 90er Jahre, und mit beeindruckender Interventionskraft. Das Projekt greift die unmittelbaren Notrufe und Widerständigkeiten derjenigen auf, die Tag und Nacht mit dem EU-Grenzregime konfrontiert sind. Das Alarm Phone folgt dem „imperativen Mandat“ dieser Alltagskämpfe mit der gleichermaßen bescheidenen wie entschiedenen Vision derjenigen, „die mit jeder Schicht einen Stein von einer Mauer entfernen und ihn zu einer Brücke hinzufügen. …“

Credits: Sea Watch

Die Initiative 19. Februar Hanau
„…Wir haben uns ein Versprechen gegeben: Nie zu vergessen und nie zu vergeben. Solange nicht lückenlos aufgeklärt wird, solange nicht endlich Konsequenzen gezogen werden und es Gerechtigkeit gibt, solange werden wir nicht aufhören zu kämpfen…“ Mit diesen Sätzen hatten Angehörige der Opfer des 19. Februar, Überlebende und UnterstützerInnen dazu aufgerufen, am 22. August 2020 nach Hanau zu kommen – sechs Monate nach dem rassistischen Terroranschlag. Die Demonstration musste wegen ansteigender Corona-Zahlen kurzfristig abgesagt werden, doch das „Herz der Veranstaltung“, die Kundgebung der Angehörigen, fand dennoch statt. Quasi über Nacht wurde ein Live-Stream eingerichtet und eine spontane Online-Mobilisierung in Gang gebracht. Mit Erfolg: Zehntausende folgten gerührt und beeindruckt auf Bildschirmen und in public Screenings den 20 kurzen Reden der Betroffenen. Ihnen allein gehörte die Bühne, sie selbst brachten zur Sprache, wo Behörden und Polizei vor und in der Tatnacht versagt hatten. Die starken, persönlichen Statements nahmen den Charakter einer ersten öffentlichen Anklage an.
Die Kundgebung am 22.8. war der vorläufige Höhepunkt eines beachtlichen Selbstorganisierungsprozesses, der unmittelbar nach der Tat mit eigenen Gedenkkundgebungen und Demonstrationen begonnen hatte. Aktive aus verschiedenen lokalen Gruppen sowie UnterstützerInnen aus anderen Städten bildeten einen Arbeitskreis, der sich wenig später den Namen „Initiative 19. Februar Hanau“ gab. „Say their Names“ wurde zur zentralen Botschaft, um die Namen der Opfer in den Mittelpunkt zu rücken und jeglicher Täterfixierung entgegen zu arbeiten. Die Initiative thematisiert allerdings immer wieder den strukturellen Rassismus und kritisiert die Hetze, die die Tat möglich gemacht hatten. Und der wichtigste Schritt: die Initiative eröffnete nur fünf Wochen nach den Morden in direkter Nähe des ersten Tatortes eine Anlaufstelle.
Während Corona Ende März das öffentliche und soziale Leben zunehmend stilllegte, fanden in diesem neuen sozialen Raum die ersten Begegnungen statt. Zunächst noch halbe Baustelle und eingeschränkt wegen Corona entwickelte sich ein Treffpunkt mit und für die Angehörigen, Überlebenden und ihre FreundInnen. Sobald die Küche fertig renoviert war und im Mai offiziell eröffnet wurde, kam der große Samowar, dessen dampfendes Dauergeräusch die Bedeutung der „gemeinsamen Tasse Tee“ auch akustisch im gesamten Raum präsent hält: Zeit füreinander zu haben und sich zuzuhören. Der „Laden“ ist jeden Tag zwischen acht und zwölf Stunden geöffnet: um zu trauern und zu trösten, um zu reden und zu beraten, um sich gegenseitig zu versichern, dass es keine Ruhe geben würde, bis alles aufgeklärt ist. Hier wurden erste Videos gedreht, in denen es in beeindruckender Weise gelungen ist, die Gleichzeitigkeit von Trauer, Wut und Stärke einzufangen. Und mit denen dann auch der Grundstein für eine erfolgreiche Spendenkampagne zur unabhängigen Finanzierung der Räumlichkeiten gelegt wurde. Hier im Laden wurde gemeinsam gelernt, mit Medien umzugehen und hier finden immer wieder Interviews mit JournalistInnen statt. Hier wird täglich gestritten und geschlichtet, diskutiert und moderiert, geplant und gehandelt. Und in diesem sozialen Raum – oder besser Raumprozess! – haben sich in zahlreichen Gesprächen und Versammlungen auch die vier zentralen Forderungen herauskristallisiert, die dann zum 22. August erstmals veröffentlicht wurden: Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung, Konsequenzen. Sie erscheinen als das „imperative Mandat“ dieses Alltagskampfes, entwickelt und gewachsen bei vielen Tassen Tee. Ein Prozess der Selbstorganisierung, in dessen Mittelpunkt die unmittelbaren Bedürfnisse und Ziele der Angehörigen und Überlebenden stehen und der mittlerweile auch zur Basis erster Schritte einer überregionalen Vernetzung mit anderen Opferinitiativen geworden ist.

Der sozialrevolutionäre Einsatz
„Der Alltag entscheidet“. Ansprüche auf eine sozialrevolutionäre Praxis sollten sich daran messen lassen, ob und wie sie sich dauerhaft auf soziale Prozesse einlassen. Prozesse, in denen Kontinuität und Zeit, Hartnäckigkeit und Räume einen zentralen Stellenwert besitzen. Die sich an den Bedürfnissen der Betroffenen und den unmittelbaren Konfliktualitäten orientieren. Prozesse, in denen wir Widersprüche und Rückschritte aushalten, in denen wir verhandeln und neu verhandeln, in denen wir Empowerment und Selbstermächtigung vor das Plakat, den Aufruf oder die Aktion stellen. Zugespitzt gesagt: der soziale sollte den politischen Prozess bestimmen. Oder: Zeit und Raum vor Plakat und Aktion. Oder: Alltag vor Kontext. Das imperative Mandat der Alltagskämpfe!

Die Fragen
Weniger zugespitzt wollen wir natürlich die Verbindung. Die Übersetzung aus dem Sozialen ins Politische. Aus dem Alltag in den Kontext. Aus dem unmittelbaren Kampf suchen wir die Vernetzung ins Allgemeine, ins Übergreifende für eine gerechtere Welt. Die Spanne von der Tasse Tee bis zur großen Erzählung der Weltrevolution.
Die Zuspitzungen sollen auch provozieren oder zumindest hinterfragen. Was wollen wir als linke, emanzipative Kleingruppen und Netzwerke? Was halten wir aus in unseren Strukturen, wie weit lassen wir uns wirklich ein auf andere Realitäten und widersprüchliche Dynamiken? Wie verbreiten und verfestigen wir  Selbstorganisierungsprozesse? Was beanspruchen wir mit welcher Praxis? Wie kommen wir – als aktive Kerne im progressiven Pol der Gesellschaft – weiter in der „sozial-ökologischen Transformation“?
Die zwei oben beschriebenen Beispiele sowie die darauffolgenden Einschätzungen bieten – hoffentlich bewegungs- und themenübergreifend – Anregung und Stoff für weitere Diskussionen und Austausch: zu Fragen von Verbindlichkeit und Kontinuität, zur Bedeutung von Zeit und Raum, zum Primat des Alltags vor der großen politischen Kampagne. Nicht als abstrakte Debatte, sondern als Einsatz für eine konkrete Praxis.

Hagen Kopp, kein mensch ist illegal Hanau, von Beginn an aktiv beim WatchTheMed Alarm Phone und selbsternannter „Hausmeister“ im Laden der Initiative 19. Februar.